Manfred Weber zum EVP-Spitzenkandidaten gewählt

Ein gutes halbes Jahr vor der Europawahl nominierte die Europäische Volkspartei (EVP) in Helsinki ihren Spitzenkandidaten. Damit empfehlen die 758 Delegierten ihren Kandidaten für die potentielle Nachfolge von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Das Ergebnis dürfte die wenigsten überraschen und doch ist es ein Paukenschlag: Mit klarer Mehrheit setzte sich EVP-Fraktionschef und CSU-Vize Manfred Weber gegen den ehemaligen finnischen Regierungschef Alexander Stubb durch. Der Niederbayer greift damit als erster Deutscher seit 50 Jahren nach dem mächtigsten Amt der Europäischen Union.

„Ich danke Alex für den fairen Wettbewerb“, sagte Weber nach der offiziellen Verkündung des Ergebnisses. „Und ich zähle auf ihn in der Kampagne. Denn diese fängt jetzt und hier in Helsinki an. Wir wollen ein demokratisches und ehrgeiziges Europa. Sagen wir den Menschen in unseren Heimatländern, dass wir gute Ideen für Europa haben“, so der frisch gewählte Spitzenkandidat.“Manfred Weber ist ein toller Kerl und wir sollten ihn zu hundert Prozent unterstützen“, entgegnete Alexander Stubb.

Manfred Weber stammt aus der 1300-Seelen-Gemeinde Wildenberg im Landkreis Kelheim, irgendwo zwischen Regensburg, Ingolstadt und Landshut. Doch den Weg aus der niederbayrischen Provinz an die Spitze der Europäischen Union beschritt der 46-Jährige mit ebenso schnellen wie bedachten Zügen: 2002 wird Weber als jüngster Abgeordneter in den bayrischen Landtag gewählt, 2003 übernimmt er für fünf Jahre den Vorsitz der Jungen Union Bayern, nur ein weiteres Jahr später wird er Europaparlamentarier. Seit 2014 ist Weber Fraktionschef der EVP im EU-Parlament, 2015 machte ihn die CSU zu ihrem Vizevorsitzenden hinter Horst Seehofer. Letzterer schlug seinen Stellvertreter am Mittwoch offiziell als Spitzenkandidat vor. Weber stehe in der „Traditionslinie der großen Europäer in der CSU“, sagte Seehofer beim EVP-Kongress in Helsinki.

Spürbare Begeisterung für Europa

Manfred Weber gilt als ruhig, pragmatisch und bedacht. Doch allein das dürfte ihm den Sieg wohl kaum eingebracht haben. Vielmehr gelingt es ihm immer wieder, mit seiner spürbaren Begeisterung für Europa auch andere anzustecken und zu begeistern. Er steht für mehr Bürgernähe, will „Europa den Menschen zurückgeben“ und macht das auch deutlich. Etwa durch Projekte wie „DiscoverEU“, dank dessen im Sommer 18.000 junge Europäer mit gratis Zugtickets den Kontinent erkunden konnten. „Ich möchte, dass dieses Europa nicht als Elitenprojekt wahrgenommen wird, das so weit weg ist von den Menschen“, sagte er am Mittwoch in Helsinki. Der Bayer ist unter den Europäischen Christdemokraten bestens vernetzt und genießt großen Rückhalt, unter anderen auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Doch selbst wenn die Europäische Volkspartei bei der Europawahl im Mai 2019 wieder stärkste Kraft wird, wovon gegenwärtig auszugehen ist – sicher ist Weber der Posten als Kommissionspräsident deshalb noch nicht. Denn das alleinige Vorschlagsrecht haben die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten und die halten sich ausdrücklich die Möglichkeit offen, einen eigenen Kandidaten zu präsentieren.

Schließlich laufen hier alle Fäden zusammen: Die Europäische Kommission verhandelt im Namen der Staatengemeinschaft, wacht über die EU-Verträge und schlägt Gesetze vor. Von Migration und Sicherheit über Umweltschutz und Verbraucherrechten bis hin zur Wirtschaft – für all das werden die Weichen in Brüssel unter Führung des Kommissionspräsidenten gestellt. Letzterer übernimmt damit alles andere als eine leichte Aufgabe. Auch die bevorstehende Legislaturperiode bringt etliche Herausforderungen mit sich: Der Umgang mit Global Playern wie den USA, Russland oder China, die Nachwirkungen des Brexit, die Bewältigung der Migrationsfrage, die Reform der Eurozone und nicht zuletzt das besorgniserregende Erstarken populistischer und EU-skeptische Kräfte, besonders ins Ungarn, Polen und nun auch im EU-Gründerstaat Italien. Für all diese Herausforderungen ist Manfred Weber der richtige Kandidat. Nicht weil er aus Deutschland kommt, sondern weil er alles vereint, was Europa ausmacht.